ENTWICKLUNGSBEZOGENE KOORDINATIONSSTÖRUNGEN

Jahrelang dachte man, dass Kinder mit schlechter motorischer Koordination einfach nur ungeschickt sind, ohne die Probleme wirklich zu verstehen, mit denen diese Kinder zu kämpfen haben und zwar obwohl schon vor 100 Jahren schlechte motorische Koordination bei Kindern als ein Entwicklungsproblem erkannt wurde. Seit dann hat man versucht alle an einem solchen Entwicklungsproblem leidenden Kinder  mit verschiedenen Begriffen zu umfassen. Meistens ging es um Begriffe wie Syndrom des ungeschickten Kindes,  sensorisch-integrative Dysfunktion, Entwicklungsdyspraxie, minimale zerebrale Dysfunktion usw. Diese uneinheitliche Terminologie hat die tägliche Arbeit in den Kliniken erschwert genauso wie die Erforschung des Entwicklungsproblems an sich. Nach der Konferenz International Consensus Conference on Children and Clumsiness (Internationale Konsenskonferenz zur Ungeschicklichkeit bei Kindern) im Jahr 1994 fing man an, den Begriff entwicklungsbezogene Koordinationsstörung (eng. Developmental Coordination Disorder, DCD) zu verwenden, um den Zustand von Kindern mit motorischen Problemen zu beschreiben. 

DEFINITION

Entwicklungsbezogene Koordinationsstörungen werden als Schädigungen der motorischen Koordination definiert, die die alltäglichen Aktivitäten und Bildungsleistungen beeinträchtigen, und die keine Folge von intellektuellen Unfähigkeiten, pervasiven Entwicklungsstörungen oder des allgemeinen Gesundheitszustands sind.

KRANKHEITSBILD

Die Symptome einer entwicklungsbezogenen Koordinationsstörung unterscheiden sich von Kind zu Kind. Das Hauptmerkmal ist die anormale Entwicklung einer oder mehrerer motorischen Fertigkeiten, wobei der Intelligenzquotient und das Alter des Kindes eine wichtige Rolle spielen. Kinder mit entwicklungsbezogenen Koordinationsstörungen haben oft Schwierigkeiten mit Aufgaben, bei denen kleine und große Muskeln gefordert sind, beispielsweise sie können nicht problemlos Buchstaben aufschreiben, den Ball werfen oder fangen oder Knöpfe zumachen.

Laut einigen Autoren gibt es unterschiedliche Störungstypen mit hauptsächlich sechs Symptomengruppen: 

  1. generelle Unstabilität oder leichtes Zittern
  2. verminderter Muskeltonus
  3. erhöhter Muskeltonus
  4. die Unfähigkeit, eine glatte Bewegung auszuführen, bzw. einzelne Bewegungselemente in eine Gesamtbewegung zu verbinden
  5. die Unfähigkeit, schriftliche Symbole zu bilden
  6. Schwierigkeiten bei der visuellen Perzeption, verbunden mit der Entwicklung der Augenmuskeln

Eine entwicklungsbedingte Störung kann zu sozialen und bildungsbezogenen Problemen bei Kindern führen. Wegen ihrer unterentwickelten Koordination wollen die Kinder nicht an Aktivitäten teilnehmen, bei denen sie schlecht abschneiden. Dies kann zu Konflikten oder dazuführen, dass erkrankte Kinder von ihren Gleichaltrigen ausgegrenzt werden. Zudem können sich Kinder mit Schwierigkeiten beim Schreiben oder Zeichnen entmutigt fühlen und trotzt ihrer normalen Intelligenz ihre Wünsche, sich auszubilden oder künstlerisch tätig zu sein, aufgeben.

EPIDEMILOGIE UND ÄTIOLOGIE

Im Laufe der Jahre nahm das Interesse an Kindern mit einer entwicklungsbedingten Koordinationsstörung zu und das Wissen über ihren Zustand wuchs. So wissen wir heute, dass eine entwicklungsbedingte Störung bei 5-8% der Schulkinder auftritt. Eine präzise Einschätzung der Situation ist durch die Tatsache erschwert, dass die Terminologie und die Klassifikation weiterhin uneinheitlich sind und dass eine entwicklungsbedingte Störung noch immer nicht in jedem einzelnen Fall diagnostiziert wird.

Die Ursache dieser Krankheit ist sehr unklar. Unterschiedliche Theorien versuchen ihre Ätiologie zu erklären. In einigen davon wird spekuliert, dass sie eine Fortsetzung der Zerebralparese ist, dass sie eine sekundäre Erscheinung bei pränatalen, perinatalen oder neonatalen Schädigungen ist, oder dass sie als sekundäre Erscheinung auftritt, wenn Neuronen auf Zellenebene in Neurotransmitter- oder Rezeptorsystemen geschädigt werden.

DIAGNOSE

Die Diagnose einer entwicklungsbezogenen Koordinationsstörung wird normalerweise zu dem Zeitpunkt diagnostiziert, wenn ein Elternteil oder ein Lehrer bemerkt, dass das Kind hinter seinen Gleichgenossen beim Lernen zurückbleibt, viele Probleme in der Schule hat oder sich oft wegen seiner Ungeschicklichkeit verletzt. Der Arzt muss zunächst eine Untersuchung durchführen, um andere Krankheiten und Zustände auszuschließen, die die motorische Ungeschicklichkeit hätten verursachen können. Notwendig ist es auch einen Sonderpädagogen zu holen, der andere Typen von Lernschwierigkeiten ausschließen soll.

Die Grundlage für eine Diagnose ist die anormale Ungeschicklichkeit des Kindes im Vergleich zu Kindern im selben Alter und mit demselben IQ. Der Unterschied zwischen einem Kind mit einer entwicklungsbezogenen Koordinationsstörung und einem nur sehr ungeschicklichen Kind lässt sich nur schwer erkennen. Eine entwicklungsbezogene Koordinationsstörung wird diagnostiziert, nur wenn die Ungeschicklichkeit erhebliche negative Folgen hat. Die negativen Folgen lassen sich in der Schule, beim Spielen oder bei anderen täglichen Aktivitäten bemerken. Bei der Diagnose muss man auch prüfen, ob die motorischen Schwierigkeiten durch eine andere definierte Krankheit oder geistliche Behinderung verursacht worden sind.

PROGNOSE

Trotz neuer Erkenntnisse ist die Meinung immer noch verbreitet, dass ungeschickte Kinder ihrer Ungeschicklichkeit einfach „entwachsen“ werden und dass man sich damit den Kopf nicht zerbrechen sollte. Selbst wenn dem einst so war, heute sind die gesellschaftlichen Forderungen viel größer und vom Kind wird immer mehr erwartet, was natürlich auch gute motorische Koordination miteinschließt. Heute wissen wir außerdem, dass Kinder ihrem Defizit nicht entwachsen, sonder mit ihm wachsen. Studien zufolge bleiben Kinder, die im Alter von 6 oder 7 Jahren ungeschickt waren, wenn jegliche Intervention ausbleibt, auch nach 10 Jahren ungeschickt. Die einzelnen Fertigkeiten verbessern sich, sind aber im Vergleich zu Altersgenossen immer schlechter. 

Eigentlich können wir sagen, dass das Problem immer größer wird, anstatt sich mit der Zeit von selbst zu lösen. Die motorischen Schwierigkeiten bei Kindern werden, ohne Intervention, weiterhin ihre alltäglichen Funktionen bis in die Adoleszenz beeinträchtigen und können erhebliche Folgen für die Ausbildung, das soziale Leben und die Psyche der Kinder haben. Studien haben gezeigt, dass sich eine schlechte motorische Koordination auf das Selbstbewusstsein des Kindes, seinen Erfolg in einer Gruppe und der Schule sowie seine Wahl von Freizeitaktivitäten auswirken kann. Die 2002 in Calgary (Kanada) durchgeführte Studie hat den Zusammenhang zwischen Kindern mit DCD und Kindern mit DCD-Risiko einerseits und Aufmerksamkeits- und Lernstörungen, Problemen bei psychosozialer Anpassung andererseits und im Vergleich zu Kindern ohne motorische Probleme erforscht. Die Studie ergab, dass alle Kinder mit motorischen Abweichungen ein Risiko für die genannten Probleme aufweisen.

Es ist schwierig, eine Prognose für ein Kind mit DCD zu geben. Oft geht eine DCD mit anderen Störungen einher. Experten zufolge treten DCD und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung) gleichzeitig bei 50% der Kinder auf. Kinder, die an beiden Krankheiten leiden, haben eine schlechtere Prognose und langfristig schwerere Störungen als Kinder, die nur an einer DCD leiden. Wir können sagen, dass eine komplexe Form von DCD-Erkrankungen eine schlechtere Prognose zur Folge hat. Wir dürfen die bedeutende Rolle, die die Umgebung des Kindes bei der Prognose seiner Entwicklung spielt, nicht außer Acht lassen. Ein Kind, das in seiner Schule dem sogenannten Bullying ausgesetzt ist, wird niedrigeres Selbstbewusstsein  haben, als dasjenige, das in seiner Umgebung angenommen und beachtet wird. Wir müssen ebenfalls die Umstände berücksichtigen, unter denen das Kind aufwächst sowie das Interesse, das die Eltern für ihr Kind und seine Prosperität zeigen.

THERAPIE

Es gibt keine einheitliche Therapie für Kinder mit einer entwicklungsbezogener Koordinationsstörung.  Es ist notwendig die Schlüsselprobleme zu erkennen und sie angemessen zu behandeln. Bei manchen Kindern bedeutet das, den Schwerpunkt auf das Schreiben zu legen, bei anderen sind die Hauptprobleme mit der allgemeinen motorischen Funktion verbunden. Nach Bedarf werden Experten mit unterschiedlichem Profil an der Therapie teilnehmen: Physiater, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Sonderpädagogen, Psychologen usw. 

VORBEUGUNG

Eltern von Kindern, die wegen Störungen bei der motorischen Entwicklung üben müssten, erzähl uns oft, dass ihre Kinder geschickter sind als ihre Altersgenossen, die nicht üben mussten. Daher glauben wir, dass, obwohl sich einer DCD nicht vorbeugen lässt, das rechtzeitige Erkennen und Korrigieren von solchen Störungen bei der motorischen Entwicklung die motorische Geschicklichkeit wesentlich verbessern kann.